Sonntag, 31. März 2024

Neu durchgesehene und kommentierte Ausgabe.

 Fichte's Vorlesungen über die Wissenschaftslehre,
gehalten zu Jena im Winter 1798-99 
nachgeschrieben von K. Chr. Fr. Krause

 
in:
Joh. Gottl. Fichte,  
Wissenschaftslehre nova methodo
Felix Meiner Verlag Hamburg
(1982)

 

Dies ist nun also mein zweiter Anlauf. Er wurde nötig, weil in meinem ersten Versuch doch noch zu viele - und auch sinnentstellende - Abschreibfehler enthalten sind, ich aber keine Möglichkeit zur Korrektur mehr habe. Auf meine Kommentare kann ich aus urheberrecht-licher Rücksicht auch diesmal nicht verzichten, aber ich habe sie neu durchgesehen und so gut ich konnte verbessert. Ich hoffe, dass bei diesem zweiten Versuch keine oder doch we-nigstens keine sinnentstellenden Fehler mehr stehen bleiben.

Jochen Ebmeier 




Erste Einleitung.

 //S. 3//

vorgetragen in den öffentlichen Vorlesungen

Er werden darin beantwortet folgende drei Fragen:
I. Was ist Philosophie?
II. Wie wird sie im Systeme der WissenschaftsLehre behandelt?
III. Welche Veränderungen mit dem sonstigen Plane vorgenommen werden sollen und wie sie 
[sic] in diesen Vorlesungen behandelt werden soll.


ad I. Es soll keine bloße Definition gegeben werden, keine bloße Formel, bei der man weiter nichts denkt; sondern es soll genetisch gezeigt werden, was Philosophie sei; das heißt, es soll dargetan werden, wie der menschliche Geist zum Philosophieren kommt.

Es wird vorausgesetzt, dass man das Dasein der Dinge außer sich annehme; bei dieser Annahme beruft man sich auf einen inneren Zustand. Man geht bei dieser Überzeugung in sich zurück in das Innere, man ist sich bewusst eines Zustandes, aus welchem man auf das Dasein von Dingen außer sich schließt. Nun ist man aber, inwiefern man sich bewusst ist, ein vorstellendes Wesen, man kann also nur sagen, man sei sich der Vorstellung von Dingen außer uns bewusst, und weiter wird eigentlich auch nichts behauptet, wenn man sagt, es gäbe Gegenstände außer uns.

Kein Mensch kann unmittelbar behaupten, dass er Sinne habe, sondern nur, dass er notgedrungen sei, so etwas anzunehmen. Das Bewusstsein geht nur auf das, was in ihm vorkommt, aber dies sind Vorstellungen. -

Damit begnügen wir uns aber nicht, sondern machen schnell einen Unterschied zwischen Vorstellungen und dem Objekt, und sagen, außer der Vorstellung liege noch etwas Wirkliches. Sobald wir auf den Unterschied der Vorstellung und des Objekts aufmerksam werden, sagen wir, es sei beides da. Alle vernünftigen Wesen (auch der Idealist und Egoist, wenn er nicht auf dem Katheder steht) behaupten immerfort, dasss eine wirkliche Welt da sei. 

Wer sich zum Nach-//4//denken über diese Erscheinung in der menschlichen Seele erhoben hat, muss sich verwundern, da hier eine scheinbare Inkonsequenz ist. Man werfe sich also die Frage auf: Wie kommen wir dazu anzunehmen, dass noch außer unsrer Vorstellung wirkliche Dinge da seien? Viele Menschen werfen sich diese Frage nicht auf, entweder weil sie den Unterschied nicht bemerken, oder weil sie zu gedankenlos sind. Wer aber diese Frage aufwirft, der erhebt sich zum Philosophieren; diese Frage zu beantworten ist der Zweck des Philosophierens, und die Wissenschaft, die sie beantwortet, ist die Philosophie.

Nota.  
Die Wissenschaftslehre hebt nicht an bei der Frage, ob es eine Wirklichkeit gäbe außer der Vorstellung, sondern warum jeder vernünftige Mensch davon ausgeht, dass es so sei. Die erste Frage wäre metaphysisch, die zweite ist transzendental. Und nur die zweite ist daher vernünftig. Dass es so sei ist also die Voraussetzung, aus der die Transzendentalphilosophie nicht heraustreten kann, ohne die Vernunft zu verlassen. Auf der ersten semantischen Ebene ist auch sie realistisch. Idealistisch ist sie erst auf der zweiten Ebene, der Reflexion der Vernunft auf sich selbst.

Ob es wirklich eine solche Wissenschaft gibt, bleibe vor der Hand noch unentschieden; dass aber viele Bemühungen angewandt worden sind, diese Frage zu beantworten, ist bekannt, denn von je her war sie die Aufgabe der Philosophie. Nur sind die Philosophen bei ihrer Beantwortung meist einseitig zu Werke gegangen, daher denn auch die Antwort einseitig ausfallen musste. Man glaubt z. B., man hätte nur zu fragen, ob Gottheit, Unsterblichkeit, Freiheit sei; das heißt, ob den Vorstellungen davon etwas Wirkliches außer ihnen entspreche. Aber die Frage der Philosophie ist nicht, haben diese einzelnen Vorstellungen, sondern haben unsere Vorstellungen überhaupt Realität?


Objektive Gültigkeit ist das, wo man behauptet, dass außer der Vorstellung noch etwas sei. Die Objektivität der Gottheit untersuchen heißt prüfen, ob Gott ein bloßer Gedanke sei, oder ob diesem Gedanken noch etwas außer ihm entspreche. Die Frage nach der Objektivität der Welt ist ebenso interessant als die nach der Objektivität der Gottheit und der Unsterblichkeit, und wenn man die erste Frage nicht beantwortet, kann man die beiden letzten auch nicht beantworten.

Eine Philosophie ist also wenigstens denkbar. Nämlich es ist denkbar, dass man nach der Objektivität unserer Vorstellungen frage, und es ist würdig, dass das Vernunftwesen über ihre Beantwortung nachdenke. Die Idee der Philosophie ist also erwiesen, die Wirklichkeit derselben kann aber nicht anders erwiesen werden als dadurch, dass ein System derselben wirklich aufgestellt werde.

So wie der menschliche Geist diese Frage aufwerfen kann, so kann er auch viele andere aufwerfen und sie beantworten //5// oder zu beantworten suchen. Geschieht diese Beantwortung nach bestimmten Gesetzen, so wird räsoniert und es entsteht Wissenschaft, aber nicht darum Philosophie, welche bloß in Beantwortung obiger Frage besteht.

ad II. Man philosophierte schon frühe, aber nur dunkel; es lag noch kein deutlicher Begriff zu Grunde. Die Skeptiker warfen vorzüglich die Frage auf, ob wohl unsere Vorstellungen objektive Gültigkeit hätten. Durch Hume, einen der größten Skeptiker, wurde Kant geweckt. Letzterer aber stellte kein System auf, sondern schrieb nur Kritiken, d. h. vorläufige Untersuchungen über die Philosophie. Wenn man aber das, was Kant besonders in der Kritik der reinen Vernunft sagt, in ein System fasst, so sieht man, dass er die Frage der Philosophie sich richtig gedacht hat. Er drückt sie so aus: Wie sind synthetische Urteile a priori möglich, und beantwortet sie so: Es gibt eine gewisse Notwendigkeit, gewisse Gesetze, nach denen sie Vernunft handelt in der Hervorbringung der Vorstellungen; was durch diese Notwendigkeit, durch diese Gesetze zu Stande gebracht wird, hat objektive Gültigkeit. Also von Dingen an sich, von einer Existenz ohne Beziehung auf ein Vorstellendes ist bei Kant nicht die Rede. Es war ein großer Missverstand, dass man das, was Kant in seinen Kritiken vortrug, für System hielt. Gegen die, die dies glauben, lässt sich folgendes einwenden:


1) Das gesamte Handeln des menschlichen Geistes und die Gesetze dieses Handelns sind bei Kant nicht systematisch aufgestellt, sondern bloß aus der Erfahrung aufgegriffen. Man kann daher nicht sicher sein

A) dass diese Gesetze des notwendigen Handelns des menschlichen Geistes erschöpft sind, weil er sie nicht bewiesen hat;
B) wie weit ihre Gültigkeit sich erstrecke;
C) Die merkwürdigen Äußerungen des menschlichen Geistes: Denken, Wollen, Lust oder Unlustempfinden sind nach Kant nicht aufs erste zurückgeführt, sondern sind koordiniert.

2) Das, worauf es hauptsächlich ankommt, nämlich zu beweisen, dass und wie unsern Vorstellungen objektive Gültigkeit zukomme, ist nicht geschehen. Die Kantische Phi-//6//losophie ist nur durch Induktion, nicht aber durch Deduktion bewiesen. Sie sagt: Wenn man diesen oder jene Gesetze annehme, wäre das Bewusstsein zu erklären; sie gilt daher nur als Hypothese.

Nota.
Kants Induktion führt ihn nur bis zu den Kategorien. Er hat sie im Material 'aufgefunden' und stellt sie zusammen; nebeneinander. Aber schon, weshalb es genau diese zwölf sein müssen, wird nicht demonstriert und nicht deduziert. Schon gar nicht wird deduziert, woher sie stammen. Es sind vier mal drei, das sieht gut aus, aber mehr Evidenz haben Kants Kategorien nicht für sich. 

In wiefern kann man es nun bei so einer Philosophie bewenden lassen und in wie fern nicht, und warum muss weiter gegangen werden? Wer sich unbefangen seiner Vernunft hingibt, der bedarf keiner Philosophie. Wäre es daher nicht besser, wenn man der Philosophie ganz entbehrte, und nicht vielmehr einem, der sich seiner Vernunft nicht unbefangen mehr hingibt, zu raten, dass er sich an den Glauben an die Wahrheit seines Bewusstseins halten möge?

Wenn der Mensch unbefangen seinem Bewusstsein glaubt, so tut er gut, aber die Bestimmung des Menschen ist es nicht, sie geht unaufhörlich fort auf gegründete Erkenntnis, der Mensch wird unaufhörlich getrieben, nach gründlicher Überzeugung zu forschen, und derjenige, der sich einmal zu philosophischem Zweifel verstiegen hat, lässt sich nicht mehr zurückweisen, er sucht sich immer seine Zweifel zu lösen. Es entsteht in dem Menschen ein peinlicher Zustand, der seine innere Ruhe und sein äußeres Handeln stört und sonach praktisch schädlich ist.

Der Idealist, der die Körperwelt leugnet, stützt sich doch unaufhörlich auf diese ebenso, wie der, der ihre Wirklichkeit glaubt. Dieser Zweifel des Idealisten hat nicht unmittelbare Folgen auf das Leben, allein es ist doch unanständig, dass seine Theorie mit seiner Praxis in Widerspruch stehe. Auch an dem Glauben an Gott und die Unsterblichkeit kann man durch Skeptizismus irre gemacht werden, und dies hat Folgen auf die innere Ruhe und Lage. Man kann zwar durch eine unvollständige und seichte Philosophie auf einige Zeit beruhigt werden. Findet man aber diese einst als unzureichend, so entsteht ein Zweifel an der Möglichkeit des Philosophierens selbst, und dies versetzt den Menschen in noch größere Unruhe.

Nota. 
F. nimmt hier die Einwände vorweg, die Jacobi kurz darauf gegen die Transzendentalphilosophie selbst erheben wird; sie säe nicht nur Zweifel, sondern pflanze vielmehr eine nihilistische Überzeugung (die zwar wissenschaftlich erwiesen sei, aber zum Glauben an Gott unfähig mache). Dann wird F. vor ihnen einknicken; hier ist er noch nicht dazu bereit. 

Der praktische Zweck nun ist, diese Zweifel zu lösen; den Menschen in Übereinstimmung mit sich selbst zu bringen, dass er aus Überzeugung und aus Gründen seinem Bewusstsein glaubt, wie er es vorher aus Vernunftinstinkt tat. (Der ganze //7// Zweck der Bildung des Menschen ist, ihn durch Arbeit zu dem zu machen, was er vorher ohne Arbeit war.) Dieser Zweck ist in der Kantischen Philosophie völlig erreicht, sie ist bewiesen, und jeder, der sie versteht, muss sie für wahr halten. 

Aber der Mensch ist auch nicht bestimmt, sich damit begnügen zu lassen. Er ist bestimmt zu vollständiger und systematischer Kenntnis. Es ist nicht genug, dass unsere Zweifel gelöst und dass wir zur Ruhe verwiesen sind, wir wollen auch Wissenschaft. Es ist ein Bedürfnis der Menschen nach Wissenschaft, und die Wissenschaftslehre macht sich anheischig, dies Bedürfnis zu befriedigen. 

Also die Resultate der Wissenschaftslehre sind mit denen der Kantischen Philososphie dieselben, nur die Art, sie zu begründen, ist in jener eine ganz andere. Die Gesetze des menschlichen Denkens sind bei Kant nicht streng wissenschaftlich abgeleitet, dies soll aber in der Wissenschaftslehre geschehen. In dieser werden abgeleitet die Gesetze des endlichen Vernunftwesens überhaupt; im Kantischen System werden bloß aufgestellt die Gesetze des Menschen, weil es bloß auf Erfahrung beruht, diese werden in der Wissenschaftslehre bewiesen. 

Ich beweise jemandem etwas heißt, ich bringe ihn dazu, dass er annehme, dass er irgendeinen Satz schon zugegeben habe, indem er die Wahrheit irgendeines anderen vorher zugegeben hatte. Jeder Beweis setzt also bei dem, dem er bewiesen werden soll, schon etwas Bewiesenes voraus, und zwei, die über nichts einig sind, können einander auch nichts beweisen. 

Da nun die Wissenschaschaftslehre beweisen will die Gesetze, nach denen das endliche Vernunftwesen bei Hervorbringung seiner Erkenntnis verfährt: so muss sie dies an etwss knüpfen, und da sie unser [Wissen?] begründen will, an etwas, das jedermann zugibt. Gibt es so etwas nicht, so ist systematische Philosophie unmöglich.

Nota I. 
Das ist das Verfahren der Wissenschaftslehre: Statt freihändig Begriffe zu definieren und daraus ein System zu bauen, sucht sie in den wirkliche Vorstellungen der 'endlichen' Vernunftwesen die ihnen zu Grunde liegenden anschaulichen Voraussetzungen auf, und erst, wenn sie an den Punkt gerät, hinter den es nicht hinausgeht, kehrt sie ihren Gang um und setzt, was sie zuvor analytisch auseinandergelgt hatte, synthetisch wieder zusammen; daran, ob auf diesem Weg die wirkliche Vorstellungswelt der 'endlichen Vernunftwesen' hinreichend rekonstuiert werden kann, entscheidet sich ihre Richtigkeit.
 
Nota II.
'Der Mensch ist bestimmt zu vollständiger und systematischer Kenntnis': woher weiß er das? Nach seiner Lehre ist der Mensch, sofern er Vernunftwesen ist, nur bestimmt als das, wozu er sich selbst bestimmt. Wenn er sagt 'So ist es', kann es sich entweder um die Feststellung eines empirisch Vorgefundenen handeln, oder um ein Postulat: 'So soll es sein.' - Tatsächlich handelt es sich hier um beides; es ist die historisch vorgefundene Tatsache des autonomen bürgerlichen Subjekts; und der Entschluss des theoretischen Philosophen, dies empirisch Gegebene als seinen praktischen Zweck anzusehen. Die Wissenschaftslehre ist die Anthropologie des bürgerlichen Zeitalters.

Die WissenschaftsLehre fordert jeden auf, zu überlegen, was er tut, wenn er sagt: Ich. Von diesem behauptet die WissenschaftsLehre, dass er dadurch annehme ein Setzen seiner selbst, das er sich setze als Subjekt-Objekt. Man kann Ich nicht denken ohne dies. Dadurch nun, durch die Identität des Setzenden und Gesetzten, ist der Begriff der Ichheit, wie ihn die Wissen-//8//schaftsLehre postuliert, völlig erschöpft. Es wird hier nicht mit hineingezogen, was man sonst beim Setzen seiner selbst denken möchte.

Wer dies nicht zugäbe, mit dem könnte die WissenschaftsLehre nichts anfangen; dies ist das erste, was die Wissenschaftslehre jedem anmutet. Weiter mutet sie an, auch einmal in sein Bewusstsein hineinzugehen, und behauptet, dass man finden werde: dass man sich nicht nur selbst setze, sondern dass man sich auch noch etwas entgegensetze. Dieses Entgegengesetzte wird, weil von ihm nichts weiter behauptet wird, als dass es dem Ich entgegengesetzt ist, auch NichIch genannt. Man kann es noch nicht Objekt oder Welt nennen, da erst bewiesen werden muss, wie es zum Objekte und zur Welt werden; sonst wäre die Philosophie Popularphilosophie.

Nota. - Wer dies nicht zugibt, der kann mit der Wissenschaftslehre nichts anfangen; aber ansonsten natürlich ein ehrenhafter Mann sein. 

Aus diesem Vorausgesetzten wird alles Übrige abgeleitet. Die Wissenschaftslehre behauptet, dass alles, was daraus folge, für alle endlichen Vernunftwesen gültig sei.

Nota.
 Wir sind hier noch nicht in der Wissenschaftslehre selbst. F. referiert vorab über die WL. Er kündigt an, was er in den folgenden Vorlesungenzu tun gedächte.
Wie alles Wissen, hat auch die Wissenschaftslehre ihre Voraussetzung. Diese ist Postulat. Doch nicht so, dass sie als theoretischer Satz (einstweilen) geglaubt werden müsste; sondern als ein Akt, den jeder selbst zu vollziehen habe. Postuliert wird nur, dass er es tue. Wenn er es tue, dann werde er finden, dass... usw.

Nun stellt die WissenschaftsLehre die Bedingungen auf, unter welchen das Ich sich selbst setzt und sich ein NichtIch entgegensetzt, und darin liegt der Beweis ihrer Richtigkeit. Diese Bedingungen sind ursprüngliche Handelsweisen des menschlichen Geistes. Was dazu gehört, dass das Ich sich selbst setzen und sich ein NichtIch entgegensetzen könne, ist notwendig. Diese Bedingungen beweist die WisenschaftsLehre durch Deduktion.

Der Beweis durch Deduktion geht so: Wir können es als Wesen des menschlichen Geistes annehmen, dass das Ich sich setze und sich ein NichtIch entgegensetze; nehmen wir aber dies an, so müssen wir noch manches andere annehmen. Dies heißt deduzieren, von etwas anderm ableiten. Kant sagt: Ich verfahret nur immer nach den Kategorien; die Wissenschaftslehre aber sagt: So gewiss ihr euch als Ich setzt, müsst ihr so verfahren. In den Resultaten sind beide einig, nur knüpft die WissenschaftsLehre noch an etwas Höheres an.

1) Die WissenschaftsLehre sucht sonach den Grund von allem Denken, das für uns da ist, in dem inneren Verfahren des endlichen Vernunftwesens überhaupt. Sie wird sich kurz so ausdrücken: Das Wesen der Vernunft besteht darin, dass ich mich selbst setze, aber das kann ich nicht, ohne mir eine //9// Welt, und zwar eine bestimmte Welt entgegenzusetzen, die im Raume ist und deren Erscheinungen in der Zeit aufeinander folgen. Dies alles geschieht in einem ungeteilten Moment; da Eins geschieht, geschieht zugleich alles Übrige. 

Aber die Philosophie und besonders die Wissenschaftslehre will diesen Einen Akt genau kennen lernen. Nun aber lernt man nichts genau kennen, wenn man es nicht zerlegt und zergliedert. So macht es also auch die Wissenschaftslehre mit dieser Einen Handlung des Ich, und wir bekommen eine Reihe miteinander verbundener Handlungen des Ich - darum, weil wir die Eine Handlung nicht auf einmal fassen können; weil der Philosoph ein Wesen ist, das in der Zeit denken muss.

Nota.
Die Deduktionen der Wissenschaftslehre sind eher Re duktionen: Es wird nicht aus Obersätzen abgeleitet, sondern es werden Bedingungen aufgesucht und freigelegt. Es sind faktische Implikationen: Indem ich Dieses tue, tue ich zugleich Jenes und Jenes; täte ich Jenes nicht, so auch nicht Dieses. 'Weil aber der Philosoph ein Wesen ist, das in der Zeit denken muss', stellt er sich diese Eine Handlung als ein Nacheinander von mehreren Handlungen vor. - Wenn dann später im transzendentalen Schema wie in einem Begriff die Zeit wieder ausgeschieden wird, wird lediglich der "ursprüngliche Zustand" wiederhergestellt. 

Dadurch nun wird das Bedürfnis nach Wissenschaft befriedigt; wir haben nicht bloß eine diskursive, aus der Erfahrung aufgeraffte, sondern eine systematische Erkenntnis, in der sich alles von einem Punkte ableiten lässt und mit diesem zusammenhängt. Der menschliche Geist strebt nach Erkenntnis, und darum soll er diesem Streben nachfolgen: Wer sagt, dass die Erlangung derselben unmötlich sei, sagt bloß, dass sie ihm eben unmöglich sei. - Diese Methode hat nun Vorzüge in Absicht der Deutlichkeit; denn das ist allemal deutlicher, was in sich zusammenhängt, wo man aus einem alles leicht übersehen kann, als wenn man mehreres zerstreut auffassen muss.

Nota.
Das ist nicht gerade zwingend. Dass 'es' ein Bedürfnis 'gibt', ist einstweilen nur eine Behauptung und würde, wenn sie zuträfe, nur ein Faktum bezeichnen; 'dass man ihm folgen soll' ist damit keinewegs 'bewiesen'. Und dass die Methode den Vorzug der Deutlichkeit hat, beweist nicht selbst, dass sie notwendig oder richtig ist. Würde es die Sache erforderlich machen, müsste man sich zu einer undeutlichen Darstellung bescheiden. - Es ist aber erst eineEinleitung, und zwar die erste, noch redet er über die WL. Sie selbst sollte strenger verfahren.

Kant hat die Frage: Wie kommen wir dazu, gewissen Vorstellungen objektive Gültigkeit beizumessen, nicht beantwortet. Die Wissenschaftslehre leistet dies. Wir schreiben einer Vorstellung objektive Gültigkeit zu, wenn wir behaupten, dass unabhängig von der Vorstellung noch ein Ding da sei, das der Vorstellung entspreche. Beide sind so verschieden: Die Vorstellung habe ich hervorgebracht, das Ding aber nicht. Nun behauptet die Wissenschaftslehre: Mit Vorstellungen, welche notwendig in uns sein sollen, verhält es sich so, dass wir anneh- men müssen, dass ihnen etwas Äußeres entspreche; und dies zeigt sie genetisch. 

Es gibt zwei Haupthandlungen des Ich; die eine, wodurch es sich selbst setzt und alles, was dazu erforderlich ist, also die ganze Welt. Die zweite ist ein abermaliges Setzen desjenigen, was durch jene erste Handlung schon gesetzt ist. Es gibt also ein
//10// ursprüngliches Setzen des Ich und der Welt und ein Setzen des schon Gesetzten, das erste macht das Bewusstsein erst möglich und kann daher darin nicht vorkommen; das zweite aber ist das Bewusstsein selbst. Das zweite setzt sonach das erste voraus. Im zweiten wird sonach etwas gefunden, das ohne das Ich vorhanden, worauf das Ich reflektiert. Das erste, dessen Resultat das Ding ist; dadurch zeigt sich, was eigentlich Produkt des Ich ist. 

Es wäre sonach zu unterscheiden eine ursprüngliche Thesis oder, da in ihr ein Mannigfaltiges gesetzt wird, eine ursprüngliche Synthesis, von der Analysis, wenn nämlich wieder auf das reflektiert wird, was in der ursprünglichen Synthesis liegt. Die gesamte Erfahrung ist nun bloße Analysis dieser ursprünglichen Synthesis. Das ursprüngliche Setzen kann nicht im wirklichen Bewusstsein vorkommen, weil es erst die Bedingung der Möglichkeit alles Bewusstseins ist.


Dies ist der kurze Inbegriff, das Wesen und der Charakter der Wissenschaftslehre
.

Nota. - Später wurde die Dialektik zu einem mystischen Ding, einem Arkanum, in dem sich alles unterbringen ließ, was man nicht erklären konnte oder wohlweislich nicht erklären wollte. In ihrem Ursprung bei Fichte ist sie eine völlig rationelle Sache: Wo immer das Denken reflektiert - und das tut es immer, wenn es nach Gründen fragt -, beschäftigt es sich letzten Endes mit sich selbst; und kommt daher zweimal vor: Einmal als reale, das andre Mal als ideale Tätigkeit. Und jeder Fortschritt im Denken reproduziert diese Verdoppelung immer neu. 

ad III. 1.) Die Untersuchungen der Wissenschaftslehre sollen [in diesen Vorlesungen] aufs Neue angestellt werden, als wenn sie noch nie aufgestellt wären. Die Bearbeitung wird dadurch gewinnen, denn seit der ersten Bearbeitung sind die Prinzipien weiter fortgeführt worden, und dies gibt eine klarere Einsicht derselben. Auch fand Dozent dadurch, dass er mit den verschiedenartigsten Köpfen darüber sprach, woran es bei manchem lag, dass die Sätze noch nicht einleuchteten. Doch wird auch auf die erste Darstellung Rücksicht genommen werden.

2) Die erste Darstellung ist dadurch etwas beschwerlich worden, weil die Bedingung der Möglichkeit der Sätze nicht in der natürlichen Ordnung, sondern in einem theoretischen und praktischen Teil abgehandelt wurden; dadurch sind nun Dinge, die unmittelbar in einander eingreifen, zu weit von einander gerissen, welches nun nicht mehr geschehen soll.

Dann sollen noch ausdrücklich und gründlich abgehandelt werden die Reflexionsgesetze in Vereinigung und Verbindung mit dem, was daraus entsteht. (Dieses Versprechen konnte wegen Mangel an Zeit nicht erfüllt werden.) Reflektieren heißt seine ideale Tätigkeit auf etwas richten; dies geschieht nur 
//11// nach gewissen Gesetzen, und dadurch wird das Objekt der Reflexion so und nicht anders.

Dozent leitet in seinen Vorlesungen ein bestimmtes Denken, und wer nicht mitdenkt, der erhält nichts; nur der, der mitdenkt, kann Nutzen haben. Für die, die nicht selbst mitdenken, möchte er seinen Vortrag in Arabisch machen.


Nota. - Die Grundlage der gesamtem Wissenschaftslehre war entstanden als Begleittext zu Fichtes erstem Vortrag der WL in Jena 1793-94, der bogenweise nach und nach an die Hörer ausgegeben wurde. Das merkt man ihr immer noch an, dass sie noch im Verlauf der Vorlesungen ausgearbeitet wurde. Namentlich die konventionelle Unterteilung in erstens einen theoretischen und zweitens einen praktischen Teil ist verwirrend. Den theoretischen Teil vielmehr aus dem Praktischen hervorgehen zu lassen, war die Hauptaufgabe der WL nova methodo. 

Die obige Bemerkung "Dieses Versprechen konnte wegen Mangel an Zeit..." verweist darauf, dass Krauses Reinschrift erst nach dem Abschluss der Vorlesungen im März 1799 zu Papier gebracht wurde. Wegen des Atheismusstreits stand F. am Ende des Vortrags unter Zeitdruck.

Zweite Einleitung

[[S. 11]]                                                                                    

§ 1. 

In diesen Vorlesungen sollen die ersten und tiefsten Fundamente der Philosophie vorgetragen werden.

Philosophie ist nicht eine Sammlung von Sätzen, die so gelernt werden, sondern sie ist eine gewisse Ansicht der Dinge, eine besondere Denkart, die man in sich hervorbringen muss. Wer noch nicht richtig angeben kann, wovon in der Philosophie die Rede ist, der hat noch keinen rechten Begriff von Philosophie.

Es ist, wie Kant sagt, ein Vorteil für eine Wissenschaft, wenn man das, was sie zu leisten hat, auf eine Formel bringt. Kant bringt das, was die Philosophie zu leisten hat, auf die Aufgabe zurück: "Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?" Dozent drückt die Frage so aus: Wie kommen wir dazu, anzunehmen, dass den Vorstellungen in uns etwas außer uns entspreche? Beide Fragen heißen dasselbe.

Ich bin mir bewusst von der Vorstellung von irgend etwas, das weiß ich. Nun behaupte ich: dieser Vorstellung entspricht ein Ding, das da sein würde, wenn ich auch die Vorstellung davon nicht hätte. Nun ist aber der Zusammenhang zwischen der Vorstellung und dem Dinge auch nur eine Vorstellung auch in mir [sic]. Nun aber behaupten wir nicht nur, dass wir Vorstellungen haben, sondern dass diesen Vorstellungen auch Dinge außer uns entsprächen. Sonach wäre die Vorstellung von dem Zusammenhange beider eine notwendige Vorstel-//12//lung. Also geht schon hier eine Verknüpfung vor; ob wir uns schon der Handlung des Verknüpfens nicht bewusst sind, so ist es doch notwendig. Dies Verfahren nämlich, dass ich von der Vorstellung zu der Vorstellung übergehe, dass Dinge wirklich existierend da seien, ist notwendig; alle Vernunftwesen verfahren so.

Also gibt es in den denkenden Wesen notwendige Vorstellungen. Die Philosophie fragt nun nach dem Grunde dieser notwendigen Vorstellungen in der Intelligenz.

§ 2.

Nicht die Philosophie, sondern die Aufgabe, die Tendenz zur Philosophie geht aus von dem facto, dass wir Bewusstsein haben. Unter den Bestimmungen und Zuständen unseres Bewusstseins, die wir Vorstellungen nennen, sind einige begleitet vom Gefühle der Notwendigkeit, andre hingegen hängen bloß von unserer Willkür ab.       

1) An diesem factum zweifelt niemand; es kann keine Frage darüber entstehen, und wer da nach Beweisen fragt, der weiß nicht, was er will. (Thiedemann in seinem Theätet will beweisen, dass er Vorstellungen habe.)

2. Bemerke man wohl, wie diese Tatsache gestellt ist; es ist behauptet worden, es gibt Vorstellungen mit dem Gefühle der Notwendigkeit begleitet, dass ihnen Dinge entsprechen; nicht, dass Dinge sind. 

3. An dieses unbezweifelt gewisse Faktum wird etwas anderes angeknüpft, nämlich die Idee des Grundes. Nämlich der Philosoph fragt: Welches ist der Grund der in mir mit dem Gefühle der Notwendigkeit vorkommenden Vorstellungen? Dass es einen Grund gebe, wird als ausgemacht angenommen, die Frage ist nur: Welches ist dieser Grund?

Schon in der Aufgabe für die gesamte Philosophie ist eine Synthesis. Es wird schon aus dem Faktum herausgegangen zum Grunde; wie komme ich nun dazu, aus dem Faktum zu dem Grunde herauszugehen? Diese Frage ist wichtig; denn solche Fragen aufzuwerfen und zu beantworten heißt philosophieren, und da diese Frage der Philosophie zu Grunde liegt, würde
//13// diese Frage beantworten heißen: über die Philosophie philosophieren. Die Frage nach der Möglichkeit der Philosophie fällt sonach selbst in die Philosophie hinein. Die Philosophie beantwortet die Frage nach ihrer eignen Möglichkeit. Sonach lässt sich die Möglichkeit der Philosophie nur in einem Zirkel beweisen, oder sie bedarf keines Beweises und ist schlechthin und absolut möglich.

Nota.
- Die Philosophie beginnt 'synthetisch'. Als lediglich analytisch mag man das 'gemeine' Normalbewusstsein auffassen, es sieht etwas und fragt nur was? und allenfalls wie? Die Frage warum? dagegen setzt voraus, dass etwas 'da' sein könnte, das man nicht sieht; besser gesagt, um sie stellen zu können, muss man es selbst voraus-gesetzt haben. Doch wie käme man dazu?

Wir haben jetzt die Frage zu beantworten: Wie kommt man zu obiger Frage? Und was tut man, indem man diese Frage nur streift? Die Frage nach dem Grunde gehört selbst zu den notwendigen Vorstellungen.

Man sucht nur den Grund von zufälligen Dingen. Die Philosophie überhaupt sucht den Grund von notwendigen Vorstellungen; diese müssen also als zufällig gedacht werden. 

Es wäre Unsinn, nach dem Grund eines Dinges zu fragen, das ich nicht für zufällig hielte. Ich halte etwas für zufällig heißt: Ich könnte denken, dass es gar nicht oder dass es ganz anders wäre. So sind die Vorstellungen vom ganzen Weltsystem; wir denken uns die Erde füglich als anders sein könnend, und uns selbst können wir auf einen andren Planeten versetzt denken. Ob wir ohne solche Vorstellungen sein könnten, belehrt uns die Philosophie; aber dass wir das Weltsystem für zufällig halten, ist gewiss, denn nur darum können wir nach einem Grund fragen.

Dieses Faktum enthält die ganze Erfahrung; aus dieser geht man heraus, mithin auch aus der gesamten Erfahrung heraus, und dies ist Philosophie und nichts anderes.
 
Nota.
Der gesunde Menschenverstand sieht das ganz anders. Was zufällig geschieht, scheint ihm nicht hinreichend begründet, und was hinreichend begründet ist, kann eigentlich gar nicht anders sein. - Doch der gesunde Menschenverstand ist ein Metaphysiker, für ihn sind logische Gründe und reelle Ursachen dasselbe. Aber notwendig ist nur das Logische, alles Faktische ist nur mehr oder minder wahrscheinlich, und also mehr oder minder kontingent. Für das metaphysische Denken sind indessen beides 'Kräfte' aus einem 'Stoff', denen ein und dieselbe Substanz 'zu Grunde liegt'Und die stellen sie sich unweigerlich als einen Schöpfer vor - der selber aber 'ganz anders' hätte schöpfen können!
Die kritische Philosophie macht es möglich und recht eigentlich notwendig, sich das bloß Seiende, das lediglich ist, weil es ist, als einen Zufall vorzustellen. Erst dann kann und muss man immer fragen: warum? Und keine Antwort kann je die letzte sein, man muss immer weiter fragen: warum nun aber dies? Einen Anfang wird man nie finden, man müsste ihn schon postulieren. Doch auch nur die Kritische Philosophie erlaubt, einen Akt der Freiheit zu denken.

Der Grund liegt nicht innerhalb des Begründeten, mithin außerhalb der Erfahrung, und die Philosophie, die den Grund der Erfahrung aufstellt, erhebt sich über dieselbe. Physik ist der Umkreis der Erfahrung; die Philosophie, die sich drüber erhebt, ist also Metaphysik. In der Philosophie kommt kein Faktum, keine Erfahrung vor. Dieser Satz findet in der neueren Zeit Widerspruch, wo man von Philosophie aus Tatsachen spricht. Die Philosophie und alles, was in ihr vorkommt, ist Produkt des reinen Denkvermögens; sie ist nicht selbst Faktum, sondern sie soll das Faktum, die Erfahrung, begründen.

//14// Wenn die Philosophen, die sich auf Tatsachen berufen, Kantianer sein wollen, so ist dies doppelt schlimm, denn Kant sagt: "er frage nach der Möglichkeit der Erfahrung".* Wenn ich aber nach der Möglichkeit einer Sache frage, so ist mir zwar die Sache bekannt, aber der Grund der Möglichkeit dieser Sache liegt außerhalb der Sache selbst. Also schon in Kants Buchstaben liegt, dass die Philosophie sich über die Erfahrung erheben soll.

Die Frage, wie man dazu komme, sich über die Erfahrung zur Philosophie zu erheben, nahm das ganze Recht zu philosophieren, d. h. das ganze Verstehen der Vernunft in Anspruch, zufolge dessen man von dem Zufälligen einen Grund suchen muss. In der Philosophie soll gezeigt werden, wie man dazu komme, mithin ist sie ein Selbstbegründen.

Also die erste und höchste Bedingung alles Philosophierens ist, zu bedenken, dass man das lautere leere Nichts antreffe, wenn man nicht alles das, worüber räsonniert wird, aus sich selber hervorbringt. Philosophische Ideen können nur im Geiste erzeugt werden, geben kann man sie nicht.
*) z. B. KrV, B 195

Nota.
Wenn aber Begriffe ohne Anschauung blind sind und der Grund der Erfahrung begriffen werden soll, so muss der Grund der Erfahrung angeschaut werden; in einer Anschauung also, die selber nicht Erfahrung, nämlich nicht sinnlich ist. Bleibt wohl nur eine intellektuelle Anschauung übrig.
 
§ 3.

Der Dogmatiker nimmt Dinge an sich an, diese und ihre Existenz postuliert er, denn sie liegen nicht im Faktum meines Bewusstseins. Kein Dogmatiker behauptet, er sei sich der Dinge an sich unmittelbar bewusst. Er behauptet nur, man könne, was Tatsache des Bewusstseins sei, nicht anders erklären, wenn man nicht die Dinge an sich voraussetze. Die alten Dogmatiker oder auch die kritischen Dogmatiker, die sich noch Stoff geben lassen, scheinen das nicht bedacht zu haben, denn sie eifern über das Herausgehen aus dem Bewusstsein, das sie doch selbst tun.

Der Idealist erklärt die Vorstellung aus einem vorauszusetzenden Vorstellenden. Dies ist auch nicht unmittelbar Objekt des Bewusstseins. Im gewöhnlichen Bewusstsein kommen immer Vorstellungen von Dingen außer uns vor. Soll eine Vorstellung vom Vorstellenden vorkommen, muss sie erst durch Reflexion auf sich selbst hervorgebracht werden. Ich //15// bin mir nur des Bewusstseins bewusst und der Bestimmungen des Bewusstseins; auch diese sind Vorstellungen. Im Bewusstsein kann eine Vorstellung vom vorstellenden Subjekt vorkommen, nicht aber das Subjekt selbst. -

Also Idealismus und Dogmatismus gehen aus dem Bewusstsein heraus. Der Dogmatiker geht aus vom Mangel der Freiheit und endigt auch damit. Die Vorstellungen sind ihm Produkte der Dinge, die Intelligenz oder das Subjekt ist ihm bloß leidend. Auch die Freiheit des Handelns geht verloren, und ein Dogmatiker, der Freiheit des Willens annimmt, ist entweder inkonsequent oder er heuchelt, denn dass ich frei handle, geht auch durch die Vorstellung hindurch; nun aber sind [für ihn] die Vorstellungen Eindrücke von Dingen, folglich hängt auch die Vorstellung von der Freiheit des Handelns von dem Dinge ab.

Von der Spekulation aus ist dem Dogmatiker nicht beizukommen, denn alle Prinzipien, durch die man ihn widerlegen könnte, weist er von der Hand. Man muss ihn von den Prinzipien aus widerlegen, von denen er ausgeht.

Der Idealist geht aus von dem Bewusstsein der Freiheit, der Dogmatiker erklärt diese für eine Täuschung. Alles, was man gegen ihn einwenden könnte und was der Idealist vor ihm voraus hätte, wäre das: dass der Dogmatiker nicht alles erklärt, was erklärt werden sollte; dass er unbestimmt ist, denn das Bewusstsein der Freiheit kann er nicht leugnen, er muss es erklären durch eine Einwirkung der Dinge, welches unmöglich ist. Ferner kann er nicht deutlich machen, was für ein Wesen das sein möge, auf welches jede Einwirkung eine Vorstellung hervorbringt. Er kann die Intelligenz nicht genetisch erklären, wohl ab er der Idealist.

Von Seiten der Spekulation lässt sich also mit dem Dogmatiker nichts anfangen, wohl aber von Seiten des innigsten Gefühls. Er [sic] ist den edelsten und besten Seelen unerträglich, welche der Gedanke des Selbstständigkeit und Freiheit das Höchste und Erste ist. -

Nota.
Idealist und Dogmatiker haben keinen Grund gemeinsam, auf dem sie bauen könnten. Kein Argument des einen trifft die Argumente des andern. Man kann nur ihre jeweiligen Ergebnisse nebeneinander stellen und vergleichen - nach Gesichtspunkten, die selbst außerhalb metà - der Argumentation liegen.
Da fällt zuerst auf: Das System des Dogmatikers ist unvollständig. Er kann die Intelligenz nicht erklären, aber das war eben die Aufgabe. Wenn sie die Dinge nur widerspiegeln kann, kann sie unmöglich ihrer selbst gewahr werden, das aber tut sie; das ist eine Tatsache. 
Und zweitens ist das System des Dogmatikers abscheulich - auch dies ein Metà-Gesichtspunkt (und zwar, füge ich an dieser frühen Stelle schon hinzu, ein letzten Ende ästhetischer). Freiheit oder Unfreiheit der Intelligenz sind nicht Ergebnisse einer theoretischen Konstruktion, sondern vielmehr deren Voraussetzung.

Im Bewusstsein kommt vor das Gefühl der Freiheit und das der Gebundenheit. Das erstere ist die Folge unserer Unendlichkeit, das letzte unserer Endlichkeit. Das erst führt uns in uns selbst zurück, letzteres aber auf eine Welt. Wer beides miteinander vermengt, ist inkonsequent.

//16// Das Menschengeschlecht und das Individuum gehen aus von der Gebundenheit. Wir alle gehen von der Erfahrung aus, werden aber in uns zurückgetrieben und finden unsere Freiheit; es kommt darauf an, welches Gefühl bei dem Menschen das hervorstechende ist, das lässt er sich nicht nehmen. -

Der Streit des Dogmatismus und Idealismus ist eigentlich kein philosophischer, denn beide kommen nie auf einem Feld zusammen, denn jedes, wenn es konsequent ist, leugnet die Prinzipien des andern. Ein philosophischer Streit kann nur dann entstehen, wenn beide Parteien über die Prinzipien einig, aber bloß über die Folgen uneinig sind. Es ist ein Widerstreit der Denkart, der konsequente Dogmatiker ist sein Gegenmittel, er kann diese Denkart in die Länge nicht ertragen.

Nota.
- Zunächst einmal: Hier haben wir schon das "intellektuelle Gefühl", das später in den Rückerinnerun-gen... wieder auftauchen soll. Denn von allem, was wir sinnlich 'fühlen', empfinden wir uns gebunden. Aber er hat ja Recht: Neben diesem und gegen dieses Gefühl ist im Bewusstsein das Gefühl der Freiheit (wenn auch erst nur als ein Wollen-an-sich), und das ist ein intellektuelles. (Sein genetisches Vis-à-vis ist der Zweck-an-sich, die Idee des Absoluten, aber die Kurve wird Fichte nicht mehr kriegen.) Das ist der ("aufgefundene") Grund der Wissenschaftslehre. Wer ihn nicht teilt, mit dem kann sie nicht philosophisch streiten, sie kann nur 'meta-philosophisch' und praktisch mit ihm ringen.

§ 4.

Des Dogmatikers Voraussetzung ist ein bloßes Denken; eine Voraussetzung, die nicht zu rechtfertigen sein wird, weil sie ja nicht erklärt, was erklärt werden soll. Sobald ein andres System auftritt, das alles erklärt, kann sie nicht lange statt haben.

Der Idealist sagt: Denke dich und gib acht, wie du dich denkst; du wirst eine in sich zurückgehende Tätigkeit finden. Der Idealist legt etwas wirklich im Bewusstsein Vorkommendes zu Grunde, der Dogmatiker aber etwas außer allem Bewusstsein zu Denkendes.

Man könnte sagen: Alles, was der Idealist fordert, ist doch nur eine Vorstellung von meiner in mich zurückgehenden Tätigkeit, aber doch keine zurückgehende Tätigkeit an sich außer der Vorstellung? Respondeo: Von weiter ist auch nichts [sic] die Rede! als dass diese Vorstellung vorkomme, eine Unterscheidung zwischen einer in sich zurückgehenden Tätigkeit und einer Vorstellung von ihr wäre nichtig. Denn eine Tätigkeit des Vorstellens außer dem Vorstellen wäre ein Widerspruch. Alle tätige Substanz als Substanz soll abgehandelt werden, die Philosophie muss zeigen, woher das Substrat komme, wo es statt findet; es ist nur die Rede von einem unmittelbaren Setzen des Ich, dieses ist eine Vorstellung.

//17// Das Prinzip des Idealisten kommt im Bewusstsein vor, darum heißt auch seine Philosophie immanent. Er findet sein Prinzip aber nicht von selbst in dem Bewusstsein, sondern zu folge eines freien Handelns. Wenn man den Gang des gewöhnliche Bewusstsein fortgeht, so liegt darin kein Begriff vom Ich, keine in sich zurückgehende Tätigkeit. Aber man kann sein Ich denken, wenn man vom Philosophen dazu aufgefordert ist; man findet es dann durch ein freies Handeln, aber nicht als etwas Gegebenes.

Jede Philosophie setzt etwas voraus, erweist etwas nicht, und erklärt aus diesem alles andre, auch der Idealismus. Dieser setzt die erwähnte freie Tätigkeit voraus als Prinzip, aus welchem alles erklärt werden muss, das aber selbst nicht erklärt werden kann.

Nota.
Unser Wissen findet in unserm Bewusstsein statt; beides sind Wechselbegriffe. In unserm Bewusstsein kommen nur Vorstellungen vor. Wenn unser Wissen nach seinen Voraussetzungen fragt, fragt es nach sich selbst. Transzendentalphilosophie kann aus diesem Rahmen nie hinaus, sie ist immanent.

Der Dogmatismus ist transzendent, überfliegend, aus dem Bewusstsein hinausgehend, der Idealismus ist transzendental, er bleibt innerhalb des Bewusstseins, zeigt aber, wie ein Herausgehen möglich ist; oder, wie wir zu der Annahme kommen, dass den Vorstellungen Dinge außer uns entsprechen. Ob man es nun damit bewenden lassen werde oder nicht, kommt auf die innere Denkart und den Glauben an sich an, wer den hat, der kann Dogmatismus und Fatalismus nicht annehmen.

Das ist das, was bei Kant oft vorkommt unter dem Namen: Interesse der Vernunft. Kant spricht von einem Interesse der spekulativen und einem Interesse der praktischen Vernunft und setzt beides [einander] entgegen. Dies ist nun auf seinem Gesichtspunkte richtig, nicht aber an sich, denn die Vernunft ist immer nur eine und hat nur ein Interesse. Ihr Interesse ist der Glaube an Selbstständigkeit und Freiheit, aus diesem folgt das Interesse für Einheit und Zusammenhang, dies könnte man das Interesse der spekulativen Vernunft nennen, weil das Ganze auf einen Grund gebaut und damit zusammenhängen soll. Mit diesem Interesse verträgt sich er Idealismus besser als der Dogmatismus.
 
Nota.
- Die Wissenschaftslehre ist Begriff und Schema der Vernunft. Vernunft ist nicht an sich; sie 'hat ein Interesse': das Interesse an Freiheit und Selbstständigkeit. Was eigentlich 'erst' Ergebnis der praktischen Philosophie wäre, ist hier der Philosophie als ihr Motiv bereits vorausgesetzt; die Wissenschaftslehre ist eine Anthropologie.

§ 5

Wird dem Idealismus einmal die Wahrheit seines Satzes, und zwar als Prinzip, zugegeben, so kann er streng alles davon //18// ableiten, was im Bewusstsein vorkommt. Ob es ihm aber jemand zugebe, das hängt ab von der Denkart des Jemand.

Man sagt, ich habe Bewusstsein, als wenn das Bewusstsein ein Akzidens des Ich wäre. Dies ist eine Absonderung, die erst spät geschieht und wovon die Philosophie den Grund angeben muss. Es ist wahr, ich muss mir noch andere Bestimmungen oder Prädikate zuschreiben, als Bewusstsein; aber alle Handlungen des Ich müssen durch das Bewusstsein hindurch. Alles, was für uns sein soll, ist doch nur ein Bewusstsein.

Auf den ersten Blick ist es richtig, wenn man sagt: mein Bewusstsein ist Ich und Ich bin mein Bewusstsein. Im Bewusstsein kommen zwar Vorstellungen mit dem Gefühle der Notwendigkeit vor, oder das Vorstellende ist ein Bewusstsein dessen, was mit dem Gefühle der Notwendigkeit da ist. Nun aber ist das Vorstellende, was es auch immer sein mag, durch Selbsttätigkeit; also auch diese Vorstellungen sind Produkte der Selbsttätigkeit.

Man darf nicht denken, dass das Ich durch etwas Anderes bewusst werde. Das Ich ist nichts als seine Tätigkeit. Das vorstellende Selbst ist seine Selbsttätigkeit, diese ist sein Wesen, und eine gewisse bestimmte Selbsttätigkeit ist in der und der Lage sein Wesen.  Das Ich setzt sich selbst heißt: Es ist eine in sich selbst zurückgehende Tätigkeit. Wer nicht von allem Objekte abstrahieren kann, der ist zum gründlichen Philosophieren unfähig. Weiter unten wird sichs finden, dass man ein Substrat hinzudenken müsse, aber bis dahin muss man davon abstrahieren.

Da nun alles, was das Vorstellenden sein soll, nur durch Selbsttätigkeit sein soll, sind auch die Vorstellungen, die mit dem Gefühle der Notwendigkeit vorkommen, seine Produkte.

Nota.
Da steht nicht: Alles, was ein Mensch tut, tut er mit Bewusstsein; sondern: Nur, was einer mit Bewusstsein tut, ist seinem Ich zuzurechnen. 'Richtig' kann einer aus tausend Gründen handeln, auch aus Neigung oder Zufall und ohne alles Bewusstsein. Vernünftig handeln kann er nur bewusst, und nur in dieser Hinsicht ist er ein Ich. .

§ 6

Dieser Beweis würde völlig hinreichen zu einer kategorischen Behauptung, um das Dass zu erklären, aber nicht zu einer bestimmten Einsicht in das Wie. Zu einer solchen Erklärung würde gehören, dass der ganze Akt des postulierten Hervorbringens der Vorstellungen dargestellt würde. Soll der Idealismus Wissenschaft sein, so muss er dies leisten können. Jetzt wird im Voraus drüber nachgedacht, auf welche Weise der Idealismus diese Forderung erbringen könne.

Zuvörderst ist in der Philosophie die Rede von den mit dem Gefühl der Notwendigkeit begleiteten Vorstellungen. Da diese nun nicht, wie im Dogmatismus, durch ein Leiden, sondern aus einem Handeln der Freiheit erklärt werden soll [sic], so würde dies ein notwendiges Handeln sein müssen, denn sonst würde es zu nichts helfen.

Anfangs zweifelt man, ob diese Vorstellungen Produkte einer Selbsttätigkeit sind, weil man sich dieser Tätigkeit nicht bewusst ist. Wenn die meisten Menschen von Tätigkeit, von Handeln hören, so verstehen sie darunter ein freies Handeln; aber es kann auch ein notwendiges Handeln geben. Ist aber ein notwendiges Handeln noch ein Handeln und nicht vielmehr ein Leiden zu nennen?

(Der echte Dogmatiker, der zugleich Fatalist sein muss, kann das Bewusstsein der Freiheit nicht leugnen, sondern er erklärt es für Täuschung. Das Handeln erfolgt erst zu Folge eines äußern Einwirkens. Vide Alexander von Joch (Hummel) über Belohnungen und Strafen in türkischen Gesetzen.)

Das notwendige Handeln ist nur unter der Bedingung eines freien Handelns notwendig, aber nicht überhaupt notwendig, sonst wäre es mit Leiden einerlei. Das erste absolut freie, unbedingte Handeln ist das Setzen des Ich durch sich selbst; aus diesem könnte ein anderes notwendig folgen, von dem man sagen könnte, es sei notwendig, aber freilich nicht absolut, sondern bedingt.

Nota.
Wenn ich dies tun will, dann muss ich es so machen. Die Freiheit liegt in der Zwecksetzung. In der Ausführung muss ich dem widerständigen toten Sein und dem freien Wollen der anderen vernünftigen Wesen  Rechnung tragen.

In dem ersten Handeln des Sichsetzens findet schon Freiheit statt. Es ist möglich, dass man nicht auf sich, sondern auf Objekte reflektiere. Dies hängt von der Freiheit ab. Aber wenn ich auf mich reflektiere, so kann ich dies nur durch eine in sich zurückgehende Tätigkeit.

So verhält es sich schon mit dem Prinzip, und so könntet es wohl kommen, dass wir auf eine Reihe notwendiger Handlungen stießen, welche bedingt würden durch das Setzen des Ich, und so würde der Satz, das Ich ist, was es ist, durch //20// sich selbst, der vorher nur formale Bedingungen hatte, materiale Gültigkeit bekommen.

Das Ich ist, was es ist, darum, weil es sich durch sich selbst setzt. Das Selbstsetzen ist nur auf eine gewisse Art möglich, dies setzt, diese setzt eine andere voraus, diese wieder eine andere usw..
 
Nota.
Die Wissenschaftslehre sei 'bloße Logik', schrieb Kant in seiner berüchtigten Erklärung gegen Fichte anlässlich des Atheismusstreits. Das ist mehr falsch als wahr, denn sie ist keine Logik der gesetzten Begriffe und notwendigen Schlüsse, sondern eine Genetik des bedingt-notwendigen Vorstellens. Bloße Logik ist das nicht. Es ist nicht nur Verfahren, sondern hat Gehalt; es hat Blut, Fleisch und Knochen.

Alles Geistige wird durch sinnliche Ausdrücke bezeichnet, daher kommen viele Missverständnisse. Denn die Zeichen sind oft willkürlich, und drum muss erst, wenn man ein Zeichen gebraucht, eine Erklärung gegeben werden. Wenn man eine Erklärung geben soll, wo das Wort fehlt, da muss man die Sache selbst, d. h. man muss genetisch erklären. Ich setze mich, und indem ich dies tue, bemerke ich, ich tue es auf eine gewisse Art und kann es nur so tun. Nun kann es kommen, dass ich auch vieles andere nur so tun kann, und das heißt ein Gesetz. Man spricht daher von Gesetzen des Anschauens, des Denkens usw.. Dieses notwendige Denken sind Denkgesetze. Gesetze sind eigentlich nur für ein handelndes Wesen; dies sehen wir für gewöhnlich als frei an, denn sagen wir: du musst so oder so verfahren, so sagt man nach der Analogie: Das Vernunftwesen muss so oder so verfahren, und dies sind seine Gesetze.

Die weitere Aufgabe für den Idealismus müsste also sein: Wir sind zu der Einsicht gekommen, dass das Setzende und das Gesetzte dasselbe sind. Ich kann das Ich nur auf eine gewisse Weise setzen, aber dies kann ich nicht, ohne auch ein zweites zu setzen, und dies nicht ohne ein drittes, und so könnte es kommen, dass wir alle die Gesetze, zufolge denen die Welt für uns zu Stande kommt, von dem ersten ableiten könnten. Dies müsste der Idealismus nachweisen.
 
Nota.
Das griechische poiein haben die lateinischen Autoren mit ponere übersetzt, und das wurde im Deutschen zu setzen. Satz, Satzung, Gesetz - überall steckt dieselbe Vorstellung drin. Doch für die Vorstellung selbst gibt es kein Wort. Die Analogie zu einem sinnlichen Vorgang muss ausreichen, und tut es in den meisten Fällen. Doch eine Metapher ist kein Begriff. Man kann daraus nicht konstruieren und konkludieren. Wenn es vorangehen soll, muss immer das lebendige Vorstellen neu bemüht werden. Das nennt Fichte die genetische Darstellungsweise.
§ 7

Die meisten Idealisten vor Kant sagten, die Vorstellungen sind in uns, weil wir sie in uns hervorbringen; sie verstanden es so: Wir können diese hervorbringen oder nicht. Dies ist ein grundloser Idealismus.

 

Es lassen sich zwei Wege denken, die das Räsonnement leiten, //21// entweder man geht aus von der uns bekannten Beschaffenheit der Welt oder den notwendigen Vorstellungen, die im Bewusstsein vorkommen: Dies ist ein bloßes Herumtappen und Probieren; man lässt sich immer das Resultat vor Augen schweben. Dies taugt nicht.

Oder man geht aus von der Handelsweise des vorstellenden Wesens und zeigt nun, wie nach diesen Gesetzen solche Vorstellungen zu Stande kommen, man hat da nur die Art vor Augen, wie etwas zu Stande kommen soll. Wenn man so zu Werke geht, so wird von allem Wirklichen abstrahiert. Wäre der Grundsatz richtig und würde richtig aus ihm gefolgert, so muss das Resultat mit der gemeinen Erfahrung übereinstimmen. Träfe etwa beides nicht zusammen, so würde nicht gerade die Unrichtigkeit des ganzen Unternehmens, sondern nur des Verfahrens durch einen Fehlschluss folgen; diesen müsste man aufsuchen. 

Es ist zu erweisen, dass das Ich sich nicht setzen könne, ohne noch manches andere zu setzen. Dies wäre lediglich in der Selbstanschauung nachzuweisen, so wie [hier: als] das erste Gesetz, dass ich mich nur auf diese Weise setzen kann. Dies wäre der Gang des Systems. 
 
Nota.
Dass das Wesen der Vernunft im Sich-selber-setzen besteht, bleibt immer vorausgesetzt und lässt sich aus nichts Elementarem herleiten, es ist selber elementar. Und nur, wer so verfährt, soll Vernunftwesen heißen, das ist tautologisch. Doch dass es, wenn es sich selber setzt, so verfährt und anders nicht verfahren kann, das ist rein faktisch so und beruht auf keinerlei Gesetz: denn dann wäre es kein Sich-selber-Setzen. F. wird es später "Denkgesetz" nennen.
Irritierend bleibt immer der Ausdruck "Wesen der Vernunft". Er hat es ja selber so definiert, aber der Wortge-brauch klingt, als sei zuerst das "Wesen" da, und daraus folge das Sich-selber-Setzen, während die Voraus-setzung doch umgekehrt vorging. - Ich werde nicht müde, auf diese Doppeldeutigkeit hinzuweisen, die sich bei Fichte von Anbeginn zeigt.
 
Anmerkung. Das System kann jeden nur auffordern, in sich selbst hineinzusehen, wie er es macht; nun aber behauptet es allgemeine Gültigkeit, dass jedes Vernunftwesen so verfahren müsse. Diese Forderung geschieht mit Recht, und vorausgesetzt, dass das Wesen der Vernunft in dem Sichselbstsetzen bestehe, so gehen ja alle als notwendig aufgestellten Handlungen aus demselben hervor: Sie gehen sonach aus dem Wesen der Vernunft hervor, und jedes Vernunftwesen muss daher die Richtigkeit des Systems anerkennen.

Ferner die Einsicht in dieses System gründet sich darauf, dass man alle Handlungen, die hier betrachtet werden, innerlich nachmacht. Denn es zählt nicht eine Reihe von Tatsachen auf, die nur so gegeben werden, sondern eine Reihe von Handlungen, in denen bemerkt wird, worauf es ankommt.
 
Nota.
-Das System ist ein Modell. Aber das Modell kommt nicht zustande, indem man aus allen möglichen Varianten (in Wahrheit: der begrenzten Zahl derer, die einem einfallen) einen Durchschnitt ermittelt, sondern indem man ins Modell nur das aufnimmt, worauf es ankommt.
Was aber ist es, worauf es ankommt? Das kann man nicht her aus suchen, sondern muss es vor aus setzenHat man das Richtige getroffen, "so muss das Resultat mit der gemeinen Erfahrung über-einstimmen". Das ist der Prüfstein: Eine ' Reihe vernünftiger Wesen ' ist das historisch Reale und muss erklärt werden.

Der Philosoph ist nicht ein bloßer Beobachter, sondern er macht Experimente mit der Natur des Bewusstseins und lässt sich auf seine bestimmten Fragen antworten. Das System ist für Selbstdenker, durch bloßes Lernen kann es nicht gefasst werden. Jeder muss es in sich hervorbringen, besonders weil //22// keine fester Terminologie angenommen wird; durch das Gegenteil machte sich Kant so viele Nachbeter.

Wer an dieses System geht, braucht eben noch keine Selbstdenker zu sein, nur muss er Liebe zum Selbstdenken haben. Bei jungen Leuten ists nicht leicht der Fall, dass ihr Kopf schon in Falten eingezwängt sei und dass sie daher zum Selbstdenken unfähig seien. Man kann zum Selbstdenken anführen dadurch, dass man Stoff gibt, worüber gedacht wird, dass man vordenke und dadurch zum Nachdenken erwecke.
 
 Nota.
- Auf eine feste Terminologie kann F. verzichten, weil die Wissenschaftslehre nicht von gegebenen Begriffen ausgeht, sondern angibt, wie welche Vorstellungen hervorzubringen seien; weshalb es bei der Interpretation der Texte so wenig hilft, 'Stellen' gegeneinander auszuspielen: Die Wörter bedeuten nicht überall dasselbe. Fichtes Terminologie ist beweglich, man kann Jedes nur aus seinem Zusammenhang verstehen.

Verhältnis dieses Systems zur Erfahrung.

In der Erfahrung, welche durch dieses System deduziert werden soll, findet man die Objekte und ihre Beschaffenheiten; in dem System selbst die Handlungen des Vernunftwesens und die Weisen desselben, inwiefern Objekte durch sie hervorgebracht werden, denn der Idealismus zeigt, dass alle andre Art, zu den Objekten zu kommen, keinen Sinn habe.

Der Philosoph fragt, wie entstehen Vorstellungen von den Dingen, die außer uns sein sollen? Dann die Vorstellungen von Pflicht, Gott und Unsterblichkeit. Diese Frage heißt soviel: Wie kommen wir zu den Objekten, die diesen Vorstellungen entsprechen? Man könnte die notwendigen Vorstellungen objektive Vorstellungen nennen, weil sie auf ein Objekt bezogen werden. –

Dies gilt auch von den Vorstellungen der Pflicht, Gottheit und Unsterblichkeit. Man kann daher fragen: Woher das Objekt für uns? Die Philosophie enthielte sonach ein System solcher Handlungen, wodurch Objekte für uns zu Stande kommen. Aber gibt es denn nun wirklich solche Handlungen, wie im Idealismus vorgetragen werden? Hat das darin Vorgetragene Realität, oder ist es nur von der Philosophie erdichtet?

Zuvörderst, der Idealismus stellt auf eine Reihe von ursprünglichen Handlungen. Dass es eine Reihe gibt, wird nicht behauptet, dies wäre gegen das System, denn darin heißt es: Das Erste kann nicht sein ohne eine Zweites usw. Die Handlungen kommen also nicht einzeln vor, da ja die eine nicht ohne die andere sein soll.

Mit einem Schlage bin ich und //23// ist die Welt für mich. Aber im System müssen wir, was eigentlich nur eins ist, als eine Reihe von Handlungen betrachten, weil wir nur Teile, und zwar bestimmte, auffassen können. Wenn das Vernunftwesen nach gewissen Gesetzen in der Erfahrung verfährt und so verfahren muss, so muss es auch im Gebiete der Philosophie verfahren. Ein Gedanke muss an den andren angeknüpft werden.
 
Nota I.
Das ist das elementare methodische Problem bei jeder Darstellung der Transzendentalphilosophie, die notwendig diskursiv verfahren muss, weil anders logische Sätze nicht gebildet werden können. So aber muss ein Verfahren, das in der produktiven Hervorbrin-gung einer Vorstellung aus der vorangehenden aus Freiheit erscheinen wie eine bloße Ver-knüpfung vorgebener Bestimmungen. 
Kant ist diese Schwierigkeit gar nicht aufgefallen: Er wollte "alles aus Begriffen dartun". Dabei musste er doch so viele Begriffe überhaupt erst prägen! Das fängt mit dem Begriffe des Transzendentalen an und ist mit seinen Kategorien noch längst nicht zuende. Die beklagte Dunkelheit und oft vertrackte Syntax seiner Perioden (in den kritischen Schriften; in den dogmatischen Vorarbeiten ist er ein galanter Rokokoautor) ist diesem Zwiespalt geschuldet, und Fichtes Erfindung der modernen Dialektik desgleichen. Er hat systematisch unterschieden zwischen dem Reich des Vorstellens und dem Reich der Begriffe, aber aufgefallen ist diese seine Unterscheidung auch ihm nicht.
Der Form nach ist seine analytisch-synthetische Methode ein beständiges Wechseln zwischen beiden Verfahren, wobei sein genetisches Vorgehen den originären Nachteil hat, immer wieder mit vagen Bildern und Metaphern arbetien zu müssen statt mit definierten Begriffen und zwingenden Schlussregeln.

Aber man findet nicht, ob oder gar wie es anders gehen könnte.

Nota II.
Eine diskursive Darstellung ist nur digital, nämlich Schritt für Schritt möglich. Ich muss sie nachträglich zu einem Tableau zusammenfügen. Eine Vorstellung dagegen ist System a priori und "mit einem Schlag gegeben" - oder nicht. Man muss sie unter Umständen immer wieder neu versuchen, aber wenn sie da ist, ist sie ganz da. Man kann sie aber von allen möglichen Seiten anschauen 

Dann muss man den, der so fragt, bitten zu bedenken, was er denn eigentlich frage. Was heißt denn wirklich, was heißt Realität? Nach dem Idealismus: das, was notwendig im Bewusstsein vorkommt. Kommen denn diese Handlungen vor, wo und wie? Auf dem Gebiete der Erfahrung nicht, kämen sie da vor, so wären sie selbst Erfahrung und gehörten nicht in die Philosophie, welche den Grund der Erfahrung angeben soll. Also eine solche Wirklichkeit wie die der Erfahrung haben diese Handlungen nicht, auch kann man nicht sagen, diese Handlungen geschähen in der Zeit, weil die Erscheinungen nur [=nur die Erscheinungen] Realität in der Zeit haben.

Herr Prof. Beck, der die Kritik der reinen Vernunft gefasst [=richtig aufgefasst] hat, will nicht über die Erfahrung hinausgehen. Dadurch wird alle, auch seine, Philosophie abgeschnitten. Auch ist es nicht Kants Meinung, denn [d]er fragt, wie ist Erfahrung möglich. Er erhebt sich also über sie.

Aber das, was nicht im Gebiete der Erfahrung liegt, hat keine Wirklichkeit im eigentlichen Sinn, es darf nicht in Raum und Zeit betrachtet werden, es muss betrachtet werden als etwas notwendig Denkbares, als etwas Ideales. Z. B. das reine Ich ist in diesem Sinn nichts Wirkliches; das Ich, das in der Erfahrung vorkommt, ist die Person. Wenn jemand das reine Ich als philosophischen Begriff darum tadelt, weil es nicht in der Erfahrung vorkommt, so weiß er nicht, was er will.

Wer sich zur Philosophie erhebt, für den haben diese Handlungen Realität, nämlich die des notwendigen Denkens, und für dieses ist Realität [sic]. Diese Realität hat auch die Erfahrung. So gewiss wir sind und leben, so gewiss muss die Erfahrung sein, und so gewiss wir philosophieren, so gewiss müssen wir //24// diese Handlungen denken. Im Bewusstsein des Philosophen kommt etwas vor, was im gemeinen Menschenverstand als solchen [sic] nicht vorkommt, das Bewusstsein des Philosophen erweitert sich, und dadurch wird es ein vollständiges, vollendetes. Sein Denken erstreckt sich so weit, wie es nur gehen kann. 

Über die Erfahrung hinaus kann gefragt werden, und dies geschieht; aber über die Philosophie [hinaus] kann mit Vernunft nicht gefragt werden; z. B. was der Grund der Beschränktheit an sich sei, dies widerspricht sich selbst und wäre eine Absurdität. Es wäre eine Anwendung der Vernunft, die von aller Vernunft abstrahiert wäre.

Das Fortschreiten von Realität zu Realität, von einer Stufe des Bewusstseins zur anderen, ist der Gang des natürlichen Menschen, und wir können da drei Stufen annehmen:

1) Er verknüpft die Objekte der Erfahrung nach Gesetzen, aber ohne dessen sich bewusst zu sein. - Jedes Kind, jeder Wilde sucht zu dem Zufälligen einen Grund, urteilt also nach den Gesetzen der Kausalität, ist sich aber dessen nicht bewusst.

2) Der, der über sich reflektiert, bemerkt, dass er nach diesen Gesetzen verfährt; dem entsteht ein Bewusstsein dieser Begriffe. In dieser zweiten Region kann es wohl kommen, dass man die Resultate dieser Begriffe für Eigenschaften der Dinge hält; dass man sagt, die Dinge an sich sind in Raum und Zeit. 

3) Der Idealist bemerkt, dass die ganze Erfahrung nichts sei als ein Handeln des Vernunftwesens.
 
§ 8. 

Der Idealismus geht aus vom Sichsetzen des Ich, oder von der endlichen Vernunft überhaupt. Aber wenn von einem Überhaupt die Rede ist, so ist dies ein unbestimmter Begriff, er geht also von einem unbestimmten Begriff aus. Nun sieht der Idealist dem Bestimmen der Vernunft in ihren Begrenzungen zu und lässt durch das Bestimmen ein vernünftiges Individuum ein wirkliches Vernunftwesen werden, welches etwas ganz anderes ist als der unbestimmte Begriff vom Ich. 

Dieses Ich sieht die Welt und die Dinge auch an,
//25// diese seine Ansicht wird auch von dem Gesichtspunkte des Idealismus erblickt, der Idealist sieht, wie dem Individuum die Dinge werden müssen, die Sache ist also für das Individuum anders als für den Philosophen. Für das Individuum nun sind die Dinge, Menschen usw. unabhängig von ihm vorhanden. Der Idealist aber sagt: Dinge außer mir und unabhängig von mir vorhanden, gibt es nicht. 

Beide sagen also das Gegenteil und widersprechen sich doch nicht, denn der Idealist zeigt von seinem Gesichtspunkte aus die Notwendigkeit der Ansicht der Individuen. Wenn der Idealist sagt: außer mir, so heißt dies: außer der Vernunft; bei dem Individuum heißt es: außer der Person.

Den Gesichtspunkt des Individuums kann man den gemeinen nennen, oder den der Erfahrung. Wird er genetisch angesehen a priori, wenn
[hier: wie] man auf ihn kommt, so findet sich, dass man durch das Handeln auf ihn komme, er heißt daher der praktische. Alle philosophische Spekulation ist nur möglich, in wie fern abstrahiert wird (im Handeln findet keine Abstraktion statt), und heißt darum der ideale Gesichtspunkt. Der praktische Gesichtspunkt steht unter dem idealen.

Wenn der Philosoph auf dem praktischen Gesichtspunkt steht, so handelt er wie jedes andere Vernunftwesen, und wird nicht durch Zweifel gestört, weil er weiß, wie er auf diesen Standpunkt kommt. Die Spekulation kann nur den stören, der erst angefangen hat zu spekulieren, aber noch nicht im Reinen ist; dem kritischen Philosophen kann so etwas nicht einfallen, weil die Resultate der Erfahrung und der Spekulation immer zusammentreffen.

Es gehört aber Festigkeit dazu, sich von dem einen Gesichtspunkt auf den andern zu setzen; hierin fehlt oft der Anfänger, der durch realistische Zweifel in der Spekulation gestört wird, der wird auch im Handeln durch idealistische gestört. 
 
Nota.
Während des Handelns reflektieren: das kann sich nur leisten, wer den ständigen Perspektivwechsel gewöhnt ist; wer etwa das Denken berufsmäßig treibt. Jeder andere sollte beherzigen: Alles zu seiner Zeit!

Neu durchgesehene und kommentierte Ausgabe.

  Fichte's Vorlesungen über die Wissenschaftslehre, gehalten zu Jena im Winter 1798-99   nachgeschrieben von K. Chr. Fr. Krause ...